Kurzgeschichten in Coronazeiten

Phoebe UNWIN, Table, 2010

Pelargonien

„Seiens net so spanisch“, hör’ ich’s aus der Ecke fiepsen, fast dornenlos, und die Falltür zur Urkunde ist aus den Angeln. Diese ungemütliche Art zu Siezen paddelt flussabwärts zum Kettenraucher, der sie aufgreift, um die Krallen zu schärfen. Ich gähne. Er erzählt die Heldentaten der Windmühlenkämpfer, röchelt von Kriegen zu Pferd und Pulver und will die spanische Krone keinerlei Inquisition überlassen. Er steigt und steigt, tenort sein Unbehagen über diese fremdenfeindliche Art des Kneipenduells. Ich bestell’n Glas Rosé. Das Wort wechselt die Umlaufbahn und kommt herum, bis man sich religionstüchtig einigt, und die Ali Baba Leute als Kopftuchräuber schimpft. Die feindliche Ikone findet ihr Zielscheibendasein zwischen elf und einer Mittagsstunde, die den spanischen König ins Exil verbannt. Korruptionsverdacht, rieselt es von oben, von der TV-Wand, die Nachrichten verkündet, wie frohe Botschaft zu Snacks.  „Höhöhö“ fiepst der Dornenlose und schielt zum Kettenraucher, der jetzt vor der Tür seiner Sucht hinterher blökt. „Der Kronenkerl wandert jetzt wohin er will, illegal sind eh nur die armen Teufel“, bauchredet der an Fettleibigkeit leidende Rentner vom Stammplatz neben der Säule. Die Kellnerin klopft sich auf Schenkel, die unterm Minirock nach Luft schnappen.  „Die Demokratie hat ausgedient“, punktschlussfertigt der Wirt, militärisch von seinem Beobachtungsposten hinterm Tresen. „Wir werden und können und müssen das, wir sind keine Hinterwäldler wie diese Rumpfgestörten.“ „Nein, wir sind das Bordell Europas“, kichert der Spanier.  „Von Hotel Europa zu Bordell Europa zu Poubelle Europa, ja, das machen’s mit uns.“ Mühsam wird sich eine Wirklichkeit erschafft, Satz für Satz geht’s zu einem runden Sinn im Kreislauf des ausufernden Morgens.  Unerwarteter Auftritt des Wikingers. Matthias, der Mats. Frühschicht unter der Woche. Gleiskontrolle, Eisenbahn. Stöhnt sich zum Tresen und spuckt Anekdoten. Laut, rücksichtslos, furios. Der redet grell, denkisch, und die miesen Väter lassen’s laufen. Redet weiter, ab der Mitte ohne Einwand, tja, geht eben, immer weiter um den Buchsbaum herum, der plastisch den Raum grünt, red nur.  Die Schnur verlängert bis sich alle tot gehört, alle müd’, kein Hirnplätzchen mehr zum Verstauen. Die Angst in der Menschenmenge zu verschwinden, also reden und fluchen, denkisch. Und kratz mich am Ohr.  „Das Schaf schläft, ich wiederhole, das Schaf schläft“. Eine spindeldürre Figur aus einer entlegenen Ecke. Der Wirt gibt zu verstehn, dass der Typ dazugehört. Auf seine Art. Also doch tolerant, offenbart die Gemeinschaft.  Erst seit drei Wochen hier. Man kennt mich nicht, aber dem Vater aus’m Gesicht geschnitten. Daher aufgenommen, wie einer der nie weg war. „Und du, was hast’n getrieben, im Ausland?“, der Schorsch, mit dem grauen Anzug und der Bankstelle.  „Terroranschläge“, sagisch, und alle „höhöhö“, „aber niemanden umgebracht“, sagisch, und alle nochma „höhöhö“. Dann leg’ich los, erzähl dass ich als Kind hier, n’paar Wochen im Sommer, beim Vater der getrennt, schwatz von den schönen Ecken, die nicht mehr sind, versaut haben’s meine Erinnerungen, sagisch, als gäb’s mir’n Recht. Doch keiner hört bis dahin, sind kaputtgehört, leer, starren ins Glas.  „Weltimmanentes Destruktionsprinzip“, grunzisch.  Der Wikingermats hebt die Hörner, starrt mir gleiskontrollmißtrauisch ins Gesicht. „Wenn’s dir hier net passt, verpiss’dich zurück ins Ausland, brauchen keine Nestbeschmutzer. Und kene Ausländer.“  „Das hat er doch gar nicht gemeint“, der Schorsch, graupazifistisch, als wüsst’er Bescheid. Und kommt mir auf die Schulter fingern. Der Rentner lutscht die Wand mit den Augen ab. Armer Paps. Vor vier Wochen einfach tot umgefallen. Und Omagerda quatscht im Altersheim mit’n Geranien. Habe beide vernachlässigt. Aber immerhin, 150 Kilometer sind ’ne Ausrede. Möcht’ trotzdem wissen, dass er noch da wär. Such’ ihn jeden Morgen seit ich hier bin, im Halbschlaf, bis ich mich erinnere.   „Verkaufst’die Bude?“, eine Stimme, interessiert. „Weiß net“, ich, lakonisch, wichtigtuerisch. „Was sonst ?“, die Stimme, zerknirscht.  „Schkönnt hierher ziehn“, ich, performativ. Und auf einmal die Vorstellung, die nie vorher geblüht. „Net dein Ernst, aufs Land? In dieses Kaff? Wo bist’n her?“ „Luxemburg“, sagisch, und lasses einwirken.  „Aber der Jürgen hat immer von Paris getratscht“.  „Da war ich vorher“, ich, sybillinisch, karg.  „Hab nie recht verstand’n wat der Sohnemann so treibt, im Ausland. Der Jürgen war da net so genau.“ „Ja, iss auch nicht so einfach zu erklärn“, ich, genießerisch, alle Aufmerksamkeit auf einmal. „Ne lange Geschichte“, weiter folterspannend, mit’m Schluck Weißbier. Und zur Theke zum Bezahlen.  „Hauptsach’, du bringst uns kein Gesindel hierher, und keine Kopftuchschweine “, der Kettenraucher, aus’m Exil zurück.  „Haste Schiss, dats de net mehr der einzige bist, der die Frau verdrescht?“, der Wikinger,  und alle „höhöhö“.  „Hör auf damit, schab ihr n’paarmal’ne runtergehaun, nur verdient, hats selber zugegebn, net mehr als’n paar Mal, also, Schluß mit der Scheiß’!“, der Zigarettenheini, aufgebracht. Ich zur Tür, „bis Morg’n“, und der Schorsch hinterher, bis zum Parkplatz.  Draußen worfelt der Tag zögerndes Licht. Der Anzug gibt’m Schorsch n Lehrerton : „Weißte, es sind keine schlechten Kerle, se wählen nichtma AFD. Aber se sind net viel rumgekommen, und se könne sech echt net verteidigen. Net gegen die Regierung, net gegen’n Arbeitgeber, net ma gegen die eigene Fra. Dat macht ihne Angst.“ Keine Ahnung warum er mir das ausbreitet. „Ich urteil gar nicht, sind wie sie sind. Bin nicht hier um die Welt zu ändern. Muß nur’n Haus verkaufen, oder vermieten, weiß noch nicht so recht. Und jetzt geh ich zu Omagerda ins Heim. Sie glaubt ich bin der Vater. Iss auch gut so.“  Würfelt der Typ mir auf einma sein Leben vor die Füße. Heirat, Großstadt, und dann zurück, wegen der Lebensqualität unso. Die Frau mit’n drei Kleinkindern, vielleicht wenn sie aus der Primärschule, zurück in die Stadthektik. Aber jetzt, mit Corona unso, heil froh hier.  „Vielleicht zieh ich wirklich hierher“, grinsisch.  Zack, geht die Tür auf, und vier stolpern aus der Kneipe, der Raucher, der Rentner, der Mats und der Bescheuerte. Alle vier die Maske auf und setzen sich in Bewegung. Verschleiert wie fromme Mohammedanerinnen, denkisch. Lachkrampfgefahr.  „Warum ziehn’se die Maske denn draußen an und nicht drinnen?“, ich logikstutzig.  Der Schorsch: „Ach, das iss ne lange Geschichte. Hier glauben manche das Ding hängt wochenlang in der Luft rum, draußen, wenn jemand vorbeigegangen iss, der’s bei sich hat.“ „Und im Lokal, da drüben?“ „Nee, der Wirt reibt die Tische und Stühle zweima’m Tag mit Laveldelölextrakt.“ „Ja und?“ „Versuchens’ net zu versteh’n. Wissen sie, die Typen sind keine miesen Kerle, das Leben hat sie nur untauglich gemacht.“  Dann wars’n Moment still, und wir haben dem Gespann nachgeschaut, wie’s um die Ecke bog.  „Wissen’s“, der Bankstellenschorsch, „ aber ma’ ehrlich, wer von uns kann sich heute noch leisten, klug zu sein.“ Und steigt ins Auto. Und weg.  Ich denk’ an Paps. Aus zwei Zaspeln hat er sein Garn gesponnen. Genügsam. Ich, grobe Worte im Gepäck, das Boot verlassen und mich wie’n Fischköder ausgeworfen. Wollt’mich mit andern Augen seh’n.  Woll’t Ufer an Waldränder tragen, über Wiesen mit knarzenden Gräsern.  Woll’t Lebensraum schaffen, für Eschen und Ulmen.  Wie ’ne Pionierbaumart über Freiflächen pirschen und Licht tanken.  Und jetzt sonnengesättigt wie Pelargonien.  Zurück für’n Plauder mit Paps. Reif um zuzuhör’n. Zweiundsechzig ist kein Alter zum Sterben. Morgen schlepp’ich mich wiederma in deine Stammkneipe, Paps. Und dann entführ’ich Omagerda. Und fahr’mit ihr ans Meer.  

4 réflexions sur “Kurzgeschichten in Coronazeiten

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